Vortrag Fairer Handel mit Textilien und die Perspektiven 2015

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Ministerialdirigent Dr. Bernhard Felmberg, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, am 19. November 2015, im Kopernikus-Gymnasium, Rheine.

Fairer Handel mit Textilien und die Perspektiven

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Bürgerinnen und Bürger der Stadt Rheine, liebe Schülerinnen und Schüler des Kopernikus Gymnasiums,

ich freue mich heute, bei Ihnen zu sein. Vor allem freue ich mich aber auch darüber, in Rheine zu sein. Rheine mit seinen 75.000 Einwohnern liegt für mich als Berliner irgendwo an der Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und den Niederlanden. Und vor allem interessant: Rheine ist ein lebendes Beispiel von Globalisierungsprozessen und strukturellen Veränderungen. Mit der ersten mechanischen Baumwollspinnerei in Westfalen hat Rheine sich seinen Ruf als Textilstandort erarbeitet. Ich glaube, es gab in Rheine bis zu elf Textilunternehmen. Knapp 40 Prozent der arbeitenden Bevölkerung waren im Textilsektor beschäftigt. Inzwischen sind hier noch vier Textilunternehmen aktiv, die zwischen fünf und zehn Prozent der Beschäftigten stellen. Trotzdem ist Rheine weiterhin eine Textilstadt, auch wenn inzwischen andere Gewerbezweige hinzugekommen sind.  Es gibt kaum einen besseren Ort, um über den Fairen Handel mit Textilien sprechen zu dürfen.

 1. Das Textilbündnis als Vorreiter für nachhaltige Lieferketten

Fairer Handel, das bedeutet faire Preise und langfristige Handelsbeziehungen. Wir wollen  Lebens- und Arbeitsbedingungen ermöglichen, mit denen die Menschen ihre Familien ernähren und ihre Kinder zur Schule schicken können. Genau deshalb müssen wir von einem freien zu einem fairen Welthandel gelangen. Deutschland ist dafür auf einem guten Weg. 2014 hat der Faire Handel in Deutschland die Milliarde an Umsatz geknackt!  Das ist ein Wachstum von mehr als 30% im Vergleich zum Vorjahr!

Immer mehr Menschen schauen beim Einkaufen nicht mehr nur auf den Preis und die Qualität, sondern übernehmen Verantwortung für die Produktionsbedingungen. Gerade bei jungen Leuten mit wenig Geld, freue ich mich über dieses Verantwortungsbewusstsein! Um sich bewusst zu entscheiden, muss man aber auch wissen, wie das, was man kaufen möchte, hergestellt wurde. Und das ist oft gar nicht so einfach.

Kleidungsstücke zum Beispiel werden inzwischen weltweit hergestellt. Es ist ein hochkomplexer Prozess mit vielen Produktionsschritten. Bevor eine Jeans bei uns im Laden zu kaufen ist, hat Sie bereits eine Weltreise hinter sich gebracht. Viele der Fertigungsschritte finden dabei in Entwicklungsländern statt. In diesen Ländern ist die Textil- und Kleidungsbranche oftmals eine Schlüsselindustrie auf dem Weg der wirtschaftlichen Entwicklung. Auch für uns in Deutschland und vor allem auch hier in Rheine war die Textilproduktion eine Brücke zur Industrialisierung. Darum engagiert sich mein Ministerium in der Textil- und Kleidungsbranche. Sie kann vielen Menschen die Chance auf ein besseres Leben bieten, auf Arbeit, auf Einkommen, auf ein ordentliches Dach über dem Kopf, auf Bildung und Zukunft für die Kinder. 60 Millionen Menschen leben weltweit von der Textilproduktion.

Wir wollen, dass diese Chance Wirklichkeit wird: In Bangladesch, in Pakistan, in allen Ländern der textilen Produktion. Gleichzeitig wissen wir alle, dass die traurige Realität viel zu oft noch anders aussieht. Unsichere Gebäude, schlechter Brandschutz, giftige Chemikalien, Löhne, die kaum zum Überleben reichen. Es gibt aber auch Gegenbeispiele. Bereits in den 1990er Jahren haben einzelne deutsche und europäische Unternehmen in der Textilbranche begonnen, die Arbeits- und Umweltbedingungen entlang der Lieferkette zu verbessern. Später schlossen sich Unternehmen zusammen, um gemeinsam aktiv zu werden. Sie kooperierten dabei häufig eng mit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Unser Ministerium hat dafür ein eigenes Programm entworfen. Mit unserem so genannten developpp.de-Programm führen BMZ und Unternehmen gemeinsam Projekte durch, die nachhaltige Entwicklung fördern.

Von diesen Projekten profitieren Unternehmen und die Menschen vor Ort, also eine klassische win-win Situation. So haben wir zum Beispiel Zulieferbetriebe eines multinationalen Modeunternehmens in Sozialstandards ausgebildet. Nach nicht einmal einem Jahr haben die Investitionen zu einem niedrigeren Krankenstand, geringerer Fluktuation der Mitarbeiter und damit zu höherer Produktivität geführt. Aufgrund des Erfolgs möchte das Unternehmen diesen Ansatz nun auf weitere Zulieferer ausweiten. Also werden noch mehr Beschäftigte davon profitieren. Das ist ein einzelnes Projekt mit überschaubarerer Reichweite. Aber: viele solcher Projekte können die Welt verändern! Und sie zeigen, was mit ausreichendem Willen möglich ist. Mehr als 20 solcher Partnerschaften haben wir bereits in 2015 bewilligt und weitere werden folgen! Vielversprechende Ansätze für eine verantwortungsvolle Textilproduktion wollen wir jetzt in einen größeren Rahmen einbetten. Dafür hat Bundesminister Dr. Gerd Müller vor rund einem Jahr das Bündnis für nachhaltige Textilien ins Leben gerufen. Dieses Bündnis steht für jeden offen, der sich im Textilbereich engagiert. Gemeinsam mit Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Gewerkschaften setzen wir uns für bessere soziale und ökologische Standards in der Textilbranche ein, vom Baumwollfeld bis zum Bügel.

Was heißt das nun konkret?

  • Einhaltung bestimmter Arbeitsstandards, u. a. keine Kinderarbeit, Vereinigungsfreiheit.
  • Sichere Fabriken und besserer Brandschutz, um die Gesundheit der Beschäftigten nicht zu gefährden.
  • Weniger Einsatz von gefährlichen Chemikalien, auf dem Baumwollfeld genauso wie in den Färbereien.
  • Löhne und Einkommen, die zum Leben reichen.

Das sind einige unserer Ziele. Daran wollen wir uns messen lassen. Doch wie bekommen wir das hin? Inzwischen sind wir über 170 Mitglieder im Textilbündnis mit einer Marktabdeckung von über 50% des deutschen Textilsektors. Auch aus Rheine haben wir mit Kettelhack ein aktives Mitglied im Textilbündnis. Allerdings, bei über 170 Mitgliedern ist die Herausforderung groß, alle Interessen an einen Tisch zu bringen. Aber wir haben im letzten Jahr große Anstrengungen unternommen Vertrauen aufzubauen. Inzwischen ist ein echter Bündnisgeist entstanden. Das Textilbündnis hat einen Aktionsplan, der erfolgreich präzisiert wurde und damit festlegt, wie wir weiter vorgehen werden.

Wir wollen und wir werden Standards setzen. Daher ist es wichtig, dass sich möglichst viele Akteure am Textilbündnis beteiligen, denn wenn wir uns gemeinsam auf Ziele einigen, können Wettbewerbsverzerrungen vermieden werden. Mehr Verantwortung darf nicht zu schlechteren Wettbewerbschancen führen, das Gegenteil muss der Fall sein! Deshalb reicht es auch nicht, Ziele und Umsetzungsanforderungen für die Bündnismitglieder in Europa zu definieren. Wir wollen konkret die Rahmenbedingungen in den Produktionsländern verbessern, jedoch ohne die Produktionsbedingungen zu diktieren. Wir müssen mit viel Fingerspitzengefühl, aber genauso viel Beharrlichkeit unsere Partner überzeugen: Veränderungen sind notwendig. Dafür beziehen wir die Zulieferbetriebe und weitere lokale Akteure wie Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen eng in unsere Maßnahmen ein.

Außerdem entwerfen wir gemeinsame Handlungsempfehlungen für die Politik auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Deutschland hat sich beim G 7 Gipfel in Elmau für Nachhaltigkeit in globalen Lieferketten stark gemacht. Wir haben im Herbst in diesem Rahmen einen Aktionsplan zur Förderung fairer Produktion verabschiedet.

Auch mit der Europäischen Kommission arbeiten wir eng zu diesem Thema zusammen. Die EU plant derzeit den Start einer EU-weiten Initiative für nachhaltige Bekleidung [EU Garment Initiative]. Sie sehen, die Dynamik des Textilbündnisses hat Europa erfasst! Und das Textilbündnis wird diesen Rückenwind nutzen um eine Blaupause für weitere Lieferketten zu werden! Der Erfolg des Textilbündnisses und der Erfolg des Fairen Handelns hängen aber auch an Ihnen, den Verbrauchern. Ich habe vorhin bereits erwähnt, wie sehr ich mich darüber freue, dass wir immer mehr nachhaltige Produkte kaufen. Oft ist es aber  gar nicht so einfach im Geschäft oder im Supermarkt zu erkennen, wie nachhaltig ein Produkt produziert wurde. Sie als Käufer wollen und sollen jedoch wissen, unter welchen Bedingungen Kleidung und Lebensmittel hergestellt werden. Deshalb, gibt es die vom BMZ finanzierte Informationsplattform siegelklarheit.de. Auf der Seite und der App werden die verschiedenen Siegel kurz und bündig dargestellt. So weiß man sofort, welche Zeichen besonders glaubwürdig und anspruchsvoll sind.

Nutzen Sie dieses Angebot. Mit Ihrem Kauf können Sie Standards setzen und zu einer fairen Welt beitragen!

Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler: Es steht viel auf dem Spiel. Denn nur wo menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen herrschen, haben Menschen Zukunft. Umgekehrt sind Perspektivlosigkeit, Ungerechtigkeit, Klimawandel und Umweltverschmutzung Auslöser für Krisen. Und die treffen letztlich auch uns. Das machen uns die aktuellen Bilder aus den Konfliktgebieten im Nahen und Mittleren Osten klar. Allen, die noch immer sagen: Was geht mich das an? Was hat das mit uns zu tun?Denen sei gesagt:  Wir alle tragen Verantwortung: Für die Menschen, die unsere Kleider für uns nähen und produzieren. Für die Entwicklung der Länder, in denen diese hergestellt werden. Für sie müssen wir einstehen. Gemeinsam: Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und jeder Einzelne.

Sie als Stadt Rheine habe dies ebenfalls erkannt und engagieren sich als Fair Trade Town. Dies ist ein richtiger Schritt. Und genauso ist das Textilbündnis ein richtiger Schritt. Beide Initiativen sind wichtige Schritte in eine sozial und ökologisch nachhaltigere Welt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich jetzt auf die anschließende Diskussion.

Ministerialdirigent Dr. Bernhard Felmberg

Den Link zur Veranstaltung finden Sie hier.