Vortrag Ethical Fashion Show in Berlin, 18. Januar 2017, von Dr. Bernhard Felmberg

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Ministerialdirigent Dr, Bernhard Felmberg auf der Ethical Fashion Show in Berlin, am 18. Januar 2017

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder des Bündnisses für nachhaltige Textilien, wieder ist ein halbes Jahr vergangen und ich darf hier auf der Ethical Fashion Show vor Ihnen stehen und über das Bündnis für nachhaltige Textilien sprechen. Ich werde immer nur eingeladen, wenn ich von Fortschritten im Textilbündnis berichten kann. Somit ist es ein gutes Zeichen, dass Sie mich heute hier sehen und ich kann schon einmal vorwegnehmen, es ist einiges in den letzten sechs Monaten passiert. Wie Sie sicherlich wissen, feiern wir in diesem Jahr 500 Jahre Reformation. Daher möchte ich es mir nicht nehmen lassen, mit einem Zitat von Martin Luther meinen Vortrag zu beginnen. Ich finde, dass dieses Zitat trefflich auf das Textilbündnis passt. „Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden.“ Weit mehr als die Hälfte des deutschen Textil-Einzelhandelsmarktes hat mit ihrer Mitgliedschaft die Verpflichtung abgegeben, sich auf den Weg zu machen bzw. haben sich schon auf den Weg gemacht, die sozialen und ökologischen Bedingungen in ihren Lieferketten zu verbessern - sozusagen „ein Frommwerden; ein Gesundwerden“.
"Produktionsprozesse werden häufig aus Kostengründen in Länder mit niedrigen Sozial- und Umweltstandards ausgelagert. Das schafft zwar Arbeitsplätze in Entwicklungs- und Schwellenländern, aber die Bedingungen sind zum Teil menschenunwürdig."
Der Prozess, die Ausdehnung von nachhaltigen Geschäftspraktiken in der gesamten Textil-Lieferkette, steht im Vordergrund. Um das Gesamtgefüge, die Situation in den Produktionsländern, zu verändern, bedarf es vieler Maßnahmen und einzelner Schritte. Von außen betrachtet mögen die einzelnen Schritte der Mitglieder vielleicht teilweise klein erscheinen. Nimmt man die Fortschritte aller Mitglieder jedoch zusammen, so ergibt sich ein ganz anderes Bild.
  1. Globale Lieferketten
Wir müssen uns erst noch einmal die Situation vor Augen führen. Globalisierung bedeutet auch, Lieferketten umspannen den gesamten Erdball. Nach Schätzungen der ILO sind weltweit über 450 Millionen Menschen in die weltweite Arbeitsteilung eingebunden. Allein in der Textilindustrie sind über 60 Millionen Menschen weltweit tätig. Ein einfaches Hemd oder eine Bluse durchläuft in der Produktion bis zu 140 Fertigungsschritte in verschiedenen Ländern. Produktionsprozesse werden häufig aus Kostengründen in Länder mit niedrigen Sozial- und Umweltstandards ausgelagert. Das schafft zwar Arbeitsplätze in Entwicklungs- und Schwellenländern, aber die Bedingungen sind zum Teil menschenunwürdig. Zwangsarbeit, mangelhafter Arbeitsschutz, Dumpinglöhne insbesondere für Frauen. Von den Umweltschäden durch giftige Chemikalien, dem Wasserverbrauch und -verschmutzung ganz zu schweigen. Ein Durchbruch kann hier nur gemeinsam mit den verschiedenen Akteursgruppen der Textilindustrie erreicht werden. Das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unter der Leitung von Bundesminister Dr. Gerd Müller hat daher gesagt: Wir übernehmen Verantwortung, wir gründen das Bündnis für nachhaltige Textilien. Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und die Bundesregierung: Gemeinsam setzen wir uns für bessere Standards in der Textilbranche ein, vom Baumwollfeld bis zum Bügel, und zwar weltweit! Sie fragen sich nun sicherlich, wo stehen wir derzeit mit dem Textilbündnis.
  • Status Quo im Textilbündnis
Seit dem Start im Oktober 2014 - mit 34 Mitglieder, 1% Marktabdeckung - haben sich die Mitglieder verfünffacht auf heute über 180 Organisationen. Damit vereint das Textilbündnis gut 55% des deutschen Einzelhandelsmarkts – ein beachtlicher Etappensieg! Das bedeutet Marktmacht. Und Marktmacht bedeutet: gemeinsam Dinge durchsetzen zu können, die jeder für sich allein nicht hätte durchsetzen können. Wir wollen diesen Anteil weiter steigern. Unser nächstes Ziel: 75%. Das Textilbündnis zeigt uns: Selbstverpflichtung kann ein guter Weg sein! Unternehmen haben die Chance zu zeigen: Verbesserungen für die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Entwicklungsländern sind möglich - ohne im Wettbewerb schlechter dazustehen. Und es zeigt sich auch: Wer in Arbeits- und Umweltschutz investiert oder seinen Zulieferern dabei hilft, profitiert langfristig. Kurz gesagt: Verantwortung kann sich lohnen! Und unser Engagement im Textilbündnis trägt Früchte: Fast 300 Sachverständige aus Wirtschaft, Nichtregierungsorganisationen, Bundesregierung, Gewerkschaften und Standardorganisationen haben gemeinsam in 2016 die Anforderungen - Schlüsselfragen- und Indikatorenraster - für die Umsetzung der Bündnisziele entwickelt. Mit dem Textilbündnis schaffen wir ein hohes Maß an Verbindlichkeit, indem wir alle Mitglieder verpflichten, sich dem so genannten Review-Prozess zu unterziehen. Im Rahmen des Review-Prozesses stellen wir im ersten Schritt fest, wo jedes Mitglied in Bezug auf die Nachhaltigkeit seiner Lieferkette steht. Denn nicht alle starten am selben Ausgangspunkt. Viele unserer Mitglieder sind bereits sehr engagiert, für manche gehört sozial-ökologisch verantwortungsvolle Produktion gar zum Kern ihres Geschäftsmodells. Um ihre Ausgangslage festzustellen, müssen alle Mitglieder zunächst Schlüsselfragen beantworten, beispielsweise zur Verwendung von Naturfasern, dem Einsatz von Chemikalien oder der Förderung existenzsichernder Löhne in Produktionsbetrieben. Auf der Grundlage des Status Quo entwickelt jedes Mitglied einen individuellen Fahrplan (Roadmaps). Diese Roadmaps legen detailliert dar, was das einzelne Unternehmen – aber auch jedes Mitglied der anderen Anspruchsgruppen wie die Bundesregierung – tun wird, um die Bündnisziele umzusetzen. Zum Beispiel muss die Bundesregierung insgesamt 31 Schlüsselfragen zu den drei Themenbereichen beantworten. Hiervon sind 20 verpflichtend mit Zielen für 2017 zu unterlegen. Am 20. Oktober 2016 hat der Steuerungskreis des Textilbündnisses dazu wegweisende Beschlüsse gefasst: Alle Mitglieder werden bis zum 31. Januar 2017 konkrete Schritte zur Umsetzung (Roadmap) der Bündnisziele festlegen. Diese sind verpflichtend und werden überprüft. Jedes Mitglied im Textilbündnis muss sich für seine Roadmap mindestens 14 konkrete Ziele in den Bereichen Sozialstandards, Prozesschemikalien und Naturfasern setzen. Dies bedeutet, dass wir mit unseren über 180 Mitgliedern Jahr für Jahr über 2000 Schritte in die richtige Richtung gehen. Mehr als 2000 Verbesserungen, die es ohne das Textilbündnis nicht geben würde. Ein großer Erfolg ist zudem: Alle Mitglieder haben externen unabhängigen Überprüfungen nach 12 Monaten zugestimmt. Die Fortschritte werden somit messbar und transparent. Und wir werden mit dem Textilbündnis ganz konkrete Initiativen in Produktionsländern umsetzen. Hierzu hat sich das Textilbündnis bereits auf vier Themen für gemeinsame Bündnisinitiativen vor Ort geeinigt:
  • Chemikalienmanagement,
  • nachhaltige Wassernutzung im Baumwollanbau,
  • existenzsichernde Löhne,
  • sowie verbesserte Arbeitsbedingungen in Spinnereien.
  1. Beitrag der deutschen Bundesregierung
Die Bundesregierung sieht sich selbst in der Verantwortung und trägt aktiv zu den Zielen des Textilbündnisses bei. Sie ist durch das BMZ und andere Ministerien, wie BMAS, BMUB, BMJV in den Facharbeitsgruppen und dem Steuerungskreis des Textilbündnisses vertreten. Auch die Bundesregierung wird eine eigene Roadmap erstellen, eigene Zielsetzungen anstreben, um ein Vorbild zu sein. [Als ambitioniertes Mitglied im Textilbündnis hat die Bundesregierung nach derzeitigem Stand über 25 Ziele für 2017 formuliert, obwohl wir nur zu 20 konkreten Zielsetzungen verpflichtet sind.] Gerne möchte ich Ihnen einen kleinen Einblick geben, was dieser Prozess zur Roadmap-Erstellung aus Sicht der Bundesregierung bedeutet. Eine Roadmap der Bundesregierung beinhaltet nicht nur eine Zusammenarbeit zwischen den drei Ministerien, die im Bündnis federführend vertreten sind, sondern eine Zusammenarbeit mit allen 14 Bundesministerien. Allein im BMZ sind mehr als 20 Referate in der Erstellung involviert. Wenn Sie diese Zahl auf die anderen Ministerien anwenden, können Sie sich also vorstellen wie komplex die Abstimmungsprozesse sind. Für den Bereich der Textilbeschaffung der öffentlichen Hand wurden zusätzlich, neben den vier zuständigen Ministerien, auch die fünf zentralen Beschaffungsstellen und die Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung miteinbezogen. Da derzeit auf Bundesebene keine Daten zur nachhaltigen Textilbeschaffung zentral erfasst werden, musste eine eigene spezifische Bestandsaufnahme hierfür entwickelt und ausgewertet werden. Sie sehen also, dass derzeit in der Bundesverwaltung viele Personen im Roadmap-Prozess involviert sind, um ambitionierte Zielformulierungen der Bundesregierung zu gewährleisten. Die Schwerpunkte in unserer Roadmap liegen in den Bereichen:
  • Politische Rahmenbedingungen verbessern!
  • Umsetzungsaktivitäten verstärken!
  • Öffentliche Beschaffung nachhaltiger gestalten!
Wir sind in diesen Handlungsfeldern natürlich bereits aktiv und ich werde Ihnen gleich einige Beispiele benennen. Aber wir werden uns hier weiterführende konkrete und ambitionierte Ziele setzen. Politische Rahmenbedingungen Es ist wichtig, dass wir die Anliegen des Textilbündnis auch auf internationaler Ebene weitertragen. In Europa und weltweit kooperiert die Bundesregierung mit ihren Partnern (EU, G7, OECD, Regierungen der Partnerländer und internationale Organisationen), um das Textilbündnis und seine Ziele global zu verankern und gleiche Rahmenbedingungen für alle Marktteilnehmer zu schaffen. Als politischer Partner des Textilbündnisses haben wir 2015 den Themenbereich Nachhaltigkeit in Globale Lieferketten erfolgreich in das Abschlusskommuniqué des G7-Gipfels von Elmau eingebracht. Auch in Hamburg auf dem G20-Gipfel 2017 soll das Thema Nachhaltigkeit in Lieferketten eine Rolle spielen. Das BMZ trägt die Anliegen des Textilbündnisses auch durch einen engen Austausch mit der Internationalen Arbeitsorganisation ILO sowie der EU weiter. Entsprechende internationale Prozesse und insbesondere die „EU Garment Initiative“ treiben wir maßgeblich voran. Umsetzungsaktivitäten Unser Kerngeschäft als BMZ bleibt weiterhin die direkte Arbeit mit Entwicklungsländern. Wir arbeiten eng mit einzelnen Ländern zusammen, um nachhaltige Lieferketten vor Ort zu verwirklichen. Der verheerende Fabrikeinsturz von Rana Plaza im Jahr 2013 hat der Weltgemeinschaft auf drastische Art und Weise den Spiegel vorgehalten. Den Blick können wir spätestens seitdem nicht mehr abwenden vor den menschenunwürdigen und lebensgefährlichen Arbeits- und Produktionsbedingungen, die andernorts herrschen. Im entwicklungspolitischen Dialog mit wichtigen Produktionsländern bringen wir das Thema Nachhaltigkeit in der Textilindustrie verstärkt zur Sprache. Zudem führt die deutsche Entwicklungszusammenarbeit bilaterale und regionale Vorhaben im Textilsektor durch, beispielsweise um Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards zu fördern. Die Förderung von Projekten mit Textil.Bezug durch das BMZ beläuft sich derzeit auf über 70 Mio. Euro. In Bangladesch sind wir bereits seit 2010 aktiv und arbeiten mit der Regierung, Unternehmen und der Zivilgesellschaft bei der Verbesserung von Sozial- und Umweltstandards im Textil-Sektor. Wir haben allein in Bangladesch über 100.000 Arbeiter, Manager und Fabrikbesitzer zu Brandschutz und Gebäudesicherheit beraten. Gemeinsam mit der ILO haben wir 300 Arbeitsinspektoren ausgebildet und vieles mehr. Diesen Erfolg übertragen wir jetzt auf weitere Länder: z.B. Kambodscha, Myanmar und Pakistan. Als erstes afrikanisches Land unterstützen wir auch Äthiopien beim Aufbau einer nachhaltigen Textilindustrie. In Pakistan haben wir mit der ILO und Mitgliedern des Textilbündnis Wichtiges erreicht: Die Hinterbliebenen des Ali Enterprises Unglücks von 2012 erhalten endlich eine angemessene Entschädigung. Im Rahmen von Kooperation zwischen deutscher Entwicklungszusammenarbeit und privaten Unternehmen sollen die Produktionsunternehmen in Entwicklungsländern unterstützt werden, die Ziele des Textilbündnisses umzusetzen. Das BMZ arbeitet über das Public Privat Partnership Programm (develoPPP.de) schon seit mehreren Jahren mit Mitgliedern des Bündnisses zusammen. Das BMZ fördert in der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft im Rahmen des develoPPP Programms derzeit über 32 Projekte im Textil-Bereich in über 15 Ländern. Das BMZ arbeitet auch mit der Zivilgesellschaft in vielgestaltigen Projekten eng zusammen. Öffentliche Beschaffung nachhaltiger gestalten Es reicht aber nicht, mit erhobenem Zeigefinder auf die Produktionsländer wie Bangladesch, Pakistan oder Indien zu zeigen. Nein, wir müssen hier bei uns zu Hause anfangen – unser eigenes Konsum- und Kaufverhalten überprüfen. Der Staat ist selbst ein wichtiger Konsument! Für bis zu 300 Milliarden Euro im Jahr kauft allein die öffentliche Hand in Deutschland jährlich ein: Da ist noch sehr viel Spielraum für nachhaltigeres Beschaffen, der jetzt genutzt werden muss. Deswegen haben wir beschlossen: Bis 2020 sollen Bundesbehörden die Hälfte aller Textilien nach ökologischen und sozialen Kriterien beschaffen. Ein wichtiger Schritt, dem noch viele weitere folgen müssen. Wir engagieren uns im Bereich Faire Behörde: Mitte 2016 starten wir das Infoportal Kompass Nachhaltigkeit neu, das öffentliche Auftraggeber und Unternehmen bei der richtigen Auswahl und Integration von Umwelt- und Sozialsiegeln in Beschaffungsvorgängen unterstützen wird. Wir alle können gemeinsam viel zu einem Wandel beitragen – indem wir fair und verantwortungsbewusst einkaufen. Letztes Jahr hat der faire Handel in Deutschland einen Rekord geknackt:
  • Über 1 Milliarde Umsatz,
  • ein Zuwachs um 30%!
Das heißt: Wir sind auf dem richtigen Weg. Damit es in diese Richtung weiter geht, müssen wir die Menschen informieren, was man guten Gewissens kaufen kann. Dafür hat die Bundesregierung das Verbraucherportal „Siegelklarheit“ ins Leben gerufen. Die bringt Licht in den Siegel-Dschungel:
  • Sie können sich hier mit einem Klick informieren.
  • Sie lernen, welche Umwelt- und Sozialsiegel glaubwürdig sind.
  • Verantwortung war nie einfacher.
Ich möchte betonen, dass die Art und Weise, was wir konsumieren, wie unsere Produkte hergestellt werden, die soziale und ökologische Bedingungen in vielen Ländern beeinflusst und sehr häufig in den Entwicklungsländern. Gemeinsam können wir etwas bewirken! Wir werden weiterhin intensiv an der Umsetzung der Bündnisziele arbeiten. Ich hoffe sehr, ich werde im Juni 2017 wieder hier stehen, zu Ihnen sprechen und Ihnen die Roadmaps von Bündnismitgliedern, natürlich auch die der deutschen Bundesregierung vorstellen können. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Nun freue ich mich auf den Austausch mit Ihnen und bin gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen!